Intersektionalität

„The better we understand how identities and power work together from one context to another, the less likely our movements for change are to fracture.“

Kimberlé Williams Crenshaw

Dominanz und Diskriminierung

too old

Menschen sind verschieden. Wir unterscheiden uns in einer Vielzahl von Eigenschaften, manche haben wir ein Leben lang, manche verändern sich – z.B. unser Alter. Unsere Gesellschaft ist dabei von Bewertungen und Urteilen geprägt. Viele Eigenschaften werden als „gut“ oder „schlecht“, „normal“ oder „abweichend“, „höherwertig“ oder „geringer“ wahrgenommen.

Was dabei als Normalität gesetzt wird, ist immer eine Frage von Macht. Wenn einer Eigenschaft von der Dominanzgesellschaft eine negative Wertung beigemessen wird, werden Menschen auf Grund dieser Eigenschaft diskriminiert. In unterschiedlichem Maße werden wir alle auf Grund unserer Zugehörigkeiten diskriminiert oder privilegiert.

Hier ein unvollständige Übersicht über einig gängige Formen von Diskriminierung.

Einige meiner Positionierungen

Ich bin akademisch gebildet und habe einen anerkannten Universitätsabschluss, bin weiß, habe einen deutschen Pass, habe keine schwerwiegenden Behinderungen, lebe in einer monogamen Ehe, und habe ein regelmäßiges Einkommen – alles Dinge, die mich in dieser Gesellschaft privilegieren und mir Sicherheit geben.

Ich bin trans* feminin, nicht-binär, werde in der Regel weiblich gelesen, bin dick, lebe in einer Beziehung mit einer inter* Person (und damit außerhalb der Hetero-Norm), bin schon älter, habe chronische Krankheiten und habe keine unterstützende Herkunftsfamilie – alles Dinge, auf Grund derer ich aus den Normen der Dominanzgesellschaft falle und Diskriminierungen erlebe.

Aspekte der Mehrfachdiskriminierung

Dafür, dass Menschen oft wegen mehreren Eigenschaften benachteiligt werden und sich die unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen nicht einfach aufaddieren, sondern neue Lebensrealitäten schaffen, hat die US-amerikanische Juristin Kimberlé Williams Crenshaw den Begriff der Intersektionalität geprägt.

Kimberlé Williams Crenshaw hat mehrere abgewiesene Diskriminierungsklagen von Schwarzen Frauen beschrieben, bei denen die Erfahrungen Schwarzer Frauen vor Gericht nicht als Diskriminierung anerkannt worden waren, da sie nicht die selben Diskriminierungen erlebt hatten, wie weiße Frauen oder Schwarze Männer. Vielmehr wurden sie spezifisch als Schwarze Frauen benachteiligt.

no sexism

Oft sind Menschen Diskriminierungen, die sie selbst erleben, bewusst. Hingegen nehme ich in der Regel nicht so einfach wahr, wo ich von der Gesellschaft privilegiert werde, das erscheint mir in der Regel als „Normalität“, die ich nicht hinterfrage.

Ein wichtiger Schritt ist daher, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und wahrzunehmen, wie meine Privilegien meinen Blick einschränken. Das Problem beginnt nicht erst, wo Menschen einseitig handeln – es beginnt schon, wo Menschen Situationen einseitig wahrnehmen.

In meiner Beratungs- und Bildungstätigkeit habe ich einen Fokus auf LSBTIQA*– und queere Perspektiven. Dabei ist es mir aber wichtig, dass weitere Eigenschaften und damit verbundene Diskriminierungen nicht aus dem Blickfeld rücken. Ein weißer deutscher jugendlicher trans* Junge im Autismusspektrum macht ganz andere Erfahrungen als eine Schwarze neurotypische ältere trans* Frau mit einer Fluchtbiographie und unsicherem Aufenthaltsstatus.

Powersharing und Empowerment

Gesellschaftliche Privilegien zu haben, ist keine Frage persönlicher Schuld. Oft höre ich Sätze wie: „Ich bin doch nicht rassistisch!“ Dahinter steht dann ein Bild, als wäre Rassismus nur eine Frage persönlicher Einstellung und keine Struktur, die die Gesellschaft durchzieht. Wenn eine weiße deutsche Person eine Arbeitsstelle bekommt und nicht die qualifiziertere syrische Migrantin, dann profitiert sie von Rassismus; und das ist eine Frage von Positionierung, nicht von persönlicher Einstellung.

Gesellschaftliche Positionierungen lassen sich nicht einfach ignorieren oder leugnen. Für meine Beratungs- und Bildungsarbeit ist eine wichtige Grundlage, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Privilegien bedeutet, Macht und Einflussmöglichkeiten zu nutzen, um Diskriminierung entgegenzuwirken. In der Arbeit mit dominant positionierten Personen geht es oft um Sensibilisierung für Diskriminierungen und Bewusstwerdung von Privilegien, um Verbündetenschaft und Powersharing – daher das Teilen der Macht, die ich kraft meiner Privilegien habe. In der Arbeit mit negativ von Diskriminierung betroffenen Personen, steht dagegen Empowerment im Vordergrund.