‚Queer‘ not as beeing about who you’re having sex with (that can be a dimension of it); but ‚queer‘ as beeing about the self that is at odds with everything around it and that has to invent and create and find a place to speak and to thrive and to live.
bell hooks
Etwas ‚queere‘ Geschichte

Das englische Wort ‚queer‘ bedeutete urspünglich etwas wie ‚seltsam‘, ‚verschroben‘ oder ‚suspekt‘. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde es als abfällige Bezeichnung zunächst für (vor allem feminin auftretende) schwule Männer verwendet. In den achtziger Jahren des 20. Jhd. haben als ‚queer‘ bezeichnete Menschen es zur aktivistischen Strategie im Umgang mit Diskriminierung gemacht, sich das Schimpfwort anzueignen und es positiv als Selbstbezeichnung zu verwenden.
Was ‚queer‘ für mich meint
Heute wird der Begriff ‚queer‘ oft als Zusammenfassung für Begriffe verwendet, die sexuelle Orientierungen und/oder Geschlechtszugehörigkeiten beschreiben, etwa synonym zu der ‚Buchstabensuppe‘ LSBTIQA*. Dadurch wird ‚queer‘ zu einer Identitätskategorie wie ‚schwul‘ oder ‚transgender‘.
Wie viele politisch-aktivistische Personen sehe ich diese Verwendung von ‚queer‘ auch kritisch, da dabei die ursprüngliche Idee der Aneignung des Schimpfwortes ‚queer‘ verloren geht, sich selber als im Widerspruch zu (hetronormativen) gesellschaftlichen Normen zu benennen und die Gültigkeit dieser Normen damit auch in Frage zu stellen.

Homonormativität
Homonormativität
Die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität hat für (manche) schwule Männer und lesbische Frauen den Zugang zu den Lebensweisen und Möglichkeiten der Mehrheitsgesellschaft ermöglicht, z.B. berufliche Karriere und Konsumorientierung, aber auch Präsenz in Popkultur und Medien. Ein schwuler Bürgermeister ist heute kein Skandal mehr.
Die US-amerikanisch Historikerin Lisa Duggan hat in den Fokus gerückt, dass der Preis dafür eine weitgehende Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream ist. Sie hat dafür den Begriff der ‚Homonormativität‘ geprägt: „Homonormativity is straight-acting gay folk.“
Ein Beispiel für Homonormativität ist, dass es bei einigen Christopher-Street-Day (CSD) Paraden Bestrebungen gab, Menschen mit Fetisch-Kleidung und Pupplayer_innen auszuschließen, weil das dem ‚Ansehen schaden‘ und die gesellschaftliche Akzeptanz gefährden würde.
„Not Gay As In Happy But Queer As In Fuck You“
‚queerer‘ als ‚queer‘
Manche Menschen verwenden den Begriff ‚queer‘ daher auch in ausdrücklicher Abgrenzung zu Begriffen wie ‚schwul‘, ‚lesbisch‘oder ‚trans*‘, um auzudrücken, dass sie ihre Identität als ‚außerhalb der gesellschaftlichen Norm‘ ansehen oder sich keiner spezifischen Identitätskategorie zuordnen wollen.
Der Begriff ‚queer‘ betont hier, dass das Streben nach Akzeptanz und gesellschaftlicher Anerkennung viele außen vor lässt. Der Fokus wird auf die Gruppen gelegt, die am stärksten marginalisiert werden. Das beinhaltet oft auch eine Kritik an dem Kürzel LSBTIQA*. All zu oft meint das in der Praxis vor allem schwule (cis*) Männer und schon eingeschränkt lesbische (cis*) Frauen. Trans* Personen sind oft nur ‚mitgemeint‘, inter* Personen werden meist komplett unsichtbar gemacht.

Trans*Normativität
Im Medizinsystem wurde lange als Ziel gesehen, trans* Personen ‚zum Verschwinden zu bringen‘. Eine Transition galt als ‚erfolgreich‘, wenn die Trans*Geschlechtlichkeit nicht mehr zu erkennen war. Das Ziel einer ‚möglichst vollständigen‘ Angleichung war bis in die Gesetzgebung festgeschrieben – so hat bis 2011 das Transsexuellengesetz eine juristische Personenstandsänderung von genitalangleichenden Operationen abhängig gemacht.
Analog zum Begriff der ‚Homonormativität‘ sprechen wir von ‚Trans*Normativität‘, wenn gesellschaftliche Zwänge (incl. der ganz realen Angst vor Gewalt und Ausgrenzung) und internalisierte Trans*Negativität das Bestreben in den Vordergrund rücken, als trans* Person cis*geschlechtlichen Normen zu entsprechen und diese nicht zu hinterfragen.
Bei LSBTIQA*-Politiken bleibt oft auch Mehrfachdiskriminierung unberücksichtigt. Ein schwuler Mann kann auch geflüchtet, alt, be_hindert und/oder arm sein. Für mich beinhaltet ein ‚queerer‘ Blickwinkel in meiner Beratungs- und Bildungsarbeit auch, solche intersektionalen Verschränkungen im Auge zu behalten und Homo- und Trans*Normativität zu hinterfragen.
„I suggest that using it [‚queer‘] as a verb is its queerest elaboration. Queering is an ever-emergent process of becoming, one that is flexible and fluid in response to context, an in resistance to norms. When we queer something, we question an disrupt taken-for-granted practices and we can imagine new possibilities. Queering sometimes breakes rules (usually discursive and social rules, and sometimes legal ones) in order to liberate people, who have been held hostage by what the rules require or prevent.“
Julie Tilsen
‚queeren‘ ist ein Verb
Sowohl die Heteronormativität der Mehrheitsgesellschaft als auch Homo- und Trans*Normativität basieren auf der Vorstellung fester naturalisierter Identitäten. Als systemische Beraterin bildet die Sichtweise, dass wir in Wirklichkeitskonstruktionen leben, eine wesentliche Grundlage meiner Arbeit. Unter dem Begriff der Queer-Theorie werden oft Ansätze gefasst, die diese Identitätskategorien selbst problematisieren. Hier geht es darum, Geschlecht als sozial konstruiert zu begreifen und diese Konstruktionen zu ‚queeren‘. Unter diesem Blickwinkel nehme ich in meiner Beratungs- und Bildungsarbeit eine ‚queere‘ Perspektive auf Geschlecht ein.
Wirklichkeitskonstruktionen zu ‚queeren‘ bedeutet für mich, feste Identitäten und Normativitäten in Frage zu stellen. Wesentlich dabei ist, dass das nicht bedeutet, zu erwarten, dass meine Klient_innen diese Perspektive teilen. Als systemische Beraterin arbeite ich mit den Realitäten meiner Klient_innen. Für viele Menschen haben Identitäten als ‚schwul‘, ‚lesbisch‘oder ‚trans*‘ eine große Bedeutung – und es wäre ziemlich ‚un-queer‘, das in Frage stellen zu wollen und zu erwarten, dass alle ‚queer‘ werden.

„Open App“
Die US-amerikanische Psychotherapeutin Julie Tilsen vergleicht Queer-Theory mit „einer geöffneten App, die im Hintergrund in meinem Kopf läuft.“
Mit diesem Bild kann ich viel anfangen. Die ‚queere Perspektive‘ ist für mich eine Ressource, die mir hilft, Gepräche zu führen, in denen die vielen Diskurse präsent sind, die Menschen und ihre Identitäten beeinflussen. Das hilft mir, Möglichkeitsräume zu erweitern und eigene normative Annahmen in Frage zu stellen.
